18.12.06

Reise # 2: La Rochelle


Es ist März, mitten in der Woche. Später Nachmittag. Eine ungewöhnliche Uhrzeit. Eigentlich bin ich nicht in der Lage, etwas zu unternehmen. Aber jetzt ist es ohnehin egal. Meine Erfahrung sagt mir, dass schließlich immer irgend etwas passiert, selbst zur Feierabendzeit.

Ich habe mich verabredet. Mit einem Mann vom Nachbartisch im Café. Gestern abend. Wir wollen einkaufen gehen. Nur kann ich mich nicht erinnern, warum. Und weshalb zu dieser blöden Zeit.

Er steht vor dem Hotel, und sein Name will mir nicht einfallen.
Anderthalb Stunden laufen wir, jetzt muss er zur Toilette. Wir gehen in ein seelenloses, vor nicht allzu langer Zeit aus dem Boden gestampftes Einkaufsareal. Im Foyer findet zwischen den üblichen Läden eine denkwürdige Veranstaltung statt. Sieben mit allerlei Instrumenten bestückte Herren fortgeschrittenen Alters stehen auf einer improvisierten Bühne und bedienen lautstark ihre Tonwerkzeuge. Sie tragen Trachten, deren regionaler Ursprung allerdings nicht klar auszumachen ist. Vor ihnen steht eine ziemlich dicke Frau. Sie ist in ein seltsames Kleid gehüllt, das man in ihrer Heimat wahrscheinlich nicht mehr trägt, das in Einkaufszentren noch seltener anzutreffen ist und daher befremdlich wirkt. Die schwergewichtige Dame singt aus voller Brust zur Begleitung der betagten Musiker.

Erst jetzt bemerke ich, mittlerweile alleine, dass hinter dieser bizarr anmutenden Darbietung eine Werbetafel angebracht ist, die den Versuch unternimmt, Einkaufende für den Besuch einer Insel in der Karibik zu begeistern. Dass ich mich auf einer Werbeveranstaltung befinde, wird mir spätestens klar, als ein schmieriger und denkbar unfranzösisch aussehender Moderator auf einer Balustrade erscheint und die Vorzüge einer kleinen Reise nach Ichweißnichtwohin mit echter Vertreternatur und geheuchelter Inbrunst anpreist.

Mein Begleiter steht wieder neben mir und sagt: "zu wenig Farbe". Nein, ich kann nicht verstehen, was er damit meint, finde die Vorstellung aber auch etwas fade.


Wieder auf der Straße erklärt er, seine Passion sei es, Farben zu sammeln. Und ob ich ihm nicht meine Farben verkaufen wolle. Wie soll das nur gehen, frage ich mich, und überhaupt: welche Farben. Nach wenigen Minuten ist der Moment der Erhellung gekommen: um ihn herum ist es schwarz/weiß. Er saugt mehr oder weniger die Farbe um sich herum auf. Und will nun meine Farben haben. Mir wird ganz schwummrig. Werde ich nur noch Grautöne sehen?

Ich spüre Schweiß auf der Stirn. Mein Blick schweift zum Fenster. Ich sehe die triste und graue Neonwerbung meines Hotels. Was würde ich ihm wohl gesagt haben? Der Traum ist zu Ende. Es ist acht Uhr morgens, die Sonne küsst den neuen Tag. Ich werde heute Farben neu sehen! Bunt soll die Welt sein. Und ich werde abends keinen Calvados mehr trinken.

24.3.06

Blankoträume
















Ich wünsche mir ein Scheckheft
mit Blankoträumen drin.
Ist die Nacht ganz fürchterlich,
geb ich 'nen Scheck dahin.
Schnell kommt der tiefe Schlaf herbei,
und mir wird alles einerlei.
Denn auch die Blankoträumerei
ist in Gedanken frei.

28.1.06

Neue Top Level Domains hier vormerken









Nachdem die ICANN nun vollständig kommerzialisiert worden ist, bietet sie demnächst neue Top Level Domains an, die hier exklusiv vorgemerkt werden können.
Wir bieten Vorbestellungen für folgende Top Level Domains:
.wet für alle Meeresbewohner uns sonstige Wasserplanscher
.pet für unsere Haustiere
.fly für unsere gefiederten Freunde (Vorsicht vor H5N1)
.sky für alle Sterne
.get für alle Auktionshäuser
.why für Diskussionsforen
.gay für bestimmte Interessengruppen

Auf Anfrage nennen wir Ihnen gerne weitere und sehen der Vorbestellung Ihrer Domainnamen (z.B. www.whale.wet, www.urologist.wet uvm.) mit Freude entgegen.

26.8.05

Noch nix!

Kerl aber auch!
Das Leben blogt mehr als ich es mir wünsche.
Ich bin zur Zeit so "geblogt", dass ich zum wahren bloggen nicht mehr komme.

Ganz bloggig
Ry

12.6.05

Los ging's


Fast alle wollten auf einmal los. Das Rad drehte, so schnell es ging. Einige fielen herunter, andere kamen durch. Manche blieben stehen und zweifelten. Und dachten: "Beim nächsten Mal, wenn sich was dreht, dann gehen wir auch los." Und denken: "Oder?"

21.4.05

Summen


Allmählich bemerkten wir es.
Ein Summen im Raum -
ein elektrisches Summen im Raum.
Es ging MMMMMMM

Wir folgten ihm von Ecke zu Ecke.
Wir legten unsere Ohren an die Wand.
Wir kreuzten diagonal den Raum.
Und tasteten mit den Händen auf dem Fußboden.
Es ging MMMMMMM

Manchmal war es ein Murmeln.
Manchmal wie ein Impuls.
Manchmal schien es zu verschwinden.
Aber dann, mit einer Vierteldrehung des Kopfes,
rollte es um das Sofa.

Wie eine summende graue Regenwolke.
MMMMMMM

Möglicherweise war es das Summen eines leisen Kühlschranks,
der kühlt für die große Nacht.
Möglicherweise war es das Summen von Stimmen unserer Eltern.
Vor langer Zeit, in weichem Licht.
MMMMMMM

Möglicherweise war es das Summen einer sich ändernden Meinung.
Oder eine Fremdsprache, im Gebet.
Möglicherweise war es das Mantra der Wände und Kabel.
Tief atmend in weicher Luft.
MMMMMMM

13.4.05

Reise # 1: Venedig


Ich sitze nackt am Fenster und streiche mit zitternden Fingern über den Marmor. Ich zucke kurz zusammen. Es fühlte sich für einen Moment so an, als ob sich Myriaden von Wespen unter der Hautoberfläche winden.
Aber das war nur eine Täuschung.
Meine Erregung oder das Opiat, das ich in Rotwein aufgelöst trinke, so wie es mir der Arzt vor Jahren empfahl, spielen mit mir Katz und Maus.
Venedig - hier wollte ich schon lange wieder hin!